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Donnerstag, 02.04.2020

Kurbeln Krisen ...

... die Märkte an? Die Universität Graz beantwortet Fragen zur Corona-Krise - #10

Was nach der Krise sein wird, bleibt Spekulation, weshalb der Wirtschaftssoziologe Klaus Kraemer zur Zukunfts-Debatte aufruft.

Grenzschließungen, Ausgangsbeschränkungen, Social Distancing: ein Alltag, der vorgestern und gestern noch undenkbar war, ist die Realität von heute und morgen. Ein medizinisch bedingter Lock-Down, der auch ökonomische Folgen sowie gesellschaftliche Begleiterscheinungen mit sich bringen wird. Wie diese aussehen und wie schwerwiegend sie sein werden, beruht auf Prognosen.  „Man muss damit beginnen, über einen Ausstieg aus dem Ausnahmezustand nachzudenken. Die ökonomische und soziologische Expertise braucht mehr Resonanz im politischen Raum. Wenn der Ausstieg nicht möglichst bald dahingehend organisiert wird, werden Firmen, Einzelunternehmen, und regionale Betriebe kollabieren,“ steht für Klaus Kraemer vom Institut für Soziologie der Universität Graz fest.

Heilsbringer „Markt“?

Viele Notmaßnahmen müssen von der Politik ergriffen werden, um Szenarien wie Pleitewellen, Massenentlassungen, Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit von Betrieben und Privatpersonen entgegenzuwirken. Der Wirtschaftssoziologe ist sich sicher, dass es der Markt alleine nicht regeln wird. „Man kann nicht einfach auf den Reset-Knopf drücken, und Wirtschaft und Gesellschaft werden wieder hochgefahren. Das wäre eine Illusion.“ Die Nachfrage am Markt wird sich nach der Krise kurzfristig zwar wieder erhöhen, die Prognosen laufen dennoch insgesamt auf ein wirtschaftliches Minus hinaus.

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Chancen der Krise

Durch den Corona-verursachten Ausnahmezustand wird dem Zauber der Globalisierung skeptisch gegenübergetreten. Aspekte wie Abhängigkeit gegenüber Lieferketten oder einseitige Ausrichtung regionaler Ökonomien auf bestimmte Märkte könnten neu diskutiert werden und eine Chance für regionale Strukturen bedeuten: „All die, die glaubwürdig sind und Nachhaltigkeit und Regionalität nicht als Marketing-Gag in den Mittelpunkt stellen, werden davon profitieren“, vermutet Klaus Kraemer.

Krise ist nicht gleich Krise

Vorhersagen aufgrund vergangener Krisen zu treffen, scheint schwer, handelt es sich bei der derzeitigen doch um einen singulären Ausnahmezustand, von dem alle Bereiche unseres Lebens betroffen sind. 2008 beschränkte sich die zugespitzte Situation auf den Finanzsektor. Man konterte mit steuerfinanzierten Rettungsschirmen für die Banken. Das scheint jetzt zu wenig zu sein: „Hier müssen wir Rettungsschirme nicht nur über Banken aufspannen, sondern über uns allen“, erklärt der Wissenschafter.

In der Vergangenheit brachten Krisen, neben einer Vielzahl negativer Folgen, durchaus auch positive Effekte mit sich: Der Börsencrash 1929 war Geburt des US-amerikanischen Wohlfahrtsstaates mit dem „New Deal“. Der Zusammenbruch der Österreichisch-Ungarischen Monarchie führte unter anderem zur Einführung des Frauenwahlrechts. Durch die Nuklearkatastrophe von Fukushima beschlossen Deutschland und Japan, aus der Atomenergie auszusteigen.

Vielleicht werden die mit der jetzigen Krise verbundenen Chancen tatsächlich genutzt, und wir verabschieden einen „Green New Deal“ zugunsten unseres Planeten. „Was die derzeitige Krise rückblickend mit sich bringen wird, bleibt aus heutiger Sicht Spekulation. Jetzt ist es wichtig, die richtigen Schritte zu setzen und einen öffentlichen Diskurs darüber zu führen, wie es mit der Wirtschaft, dem Rechtsstaat und der Demokratie weitergehen soll“, unterstreicht Klaus Kraemer.

Die Universität Graz beantwortet Fragen zur Corona-Krise: Hier geht’s zur Themenliste

 

Erstellt von Christina Koppelhuber

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