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Mittwoch, 06.07.2016

Wilde Wanderer

Sinnbild der Freiheit: Der Wolf ist nur rund 80.000 Jahre alt und damit sehr viel jünger als bislang angenommen. Foto: tpsdave/pixabay.com

Sinnbild der Freiheit: Der Wolf ist nur rund 80.000 Jahre alt und damit sehr viel jünger als bislang angenommen. Foto: tpsdave/pixabay.com

Alle heute in Nordamerika lebenden Wölfe gehen auf eine einzige Besiedlungswelle zurück, die vor 70.000 bis 24.000 Jahren geschah. Grafik: Koblmüller.

Alle heute in Nordamerika lebenden Wölfe gehen auf eine einzige Besiedlungswelle zurück, die vor 70.000 bis 24.000 Jahren geschah. Danach verhinderte die Verschmelzung zweier Eisschilder den weiteren Genaustausch zwischen eurasischen Wölfen und Artgenossen aus dem mittleren und südlichen Nordamerika. Grafik: Koblmüller.

Zoologe der Uni Graz erforscht die Besiedelung Nordamerikas durch den Wolf

Sinnbild der Freiheit im Abenteuerroman „Ruf der Wildnis“, Symbol einer im Einklang mit der Natur lebenden Gesellschaft im Oscar-Streifen „Der mit dem Wolf tanzt“, ungezügeltes Biest in vielen Horrorfilmen: Der Wolf ist in der amerikanischen Literatur und Filmkunst beliebte Projektionsfläche. Doch wann und wie oft kam das Tier im Laufe seiner Evolution überhaupt in die USA? Ein internationales ForscherInnen-Team mit starker Beteiligung der Karl-Franzens-Universität Graz hat nun die Antwort gefunden: „Der jüngste gemeinsame Vorfahre aller heute lebenden Wölfe ist nur rund 80.000 Jahre alt und damit sehr viel jünger als bislang angenommen. Das bedeutet auch, dass alle nordamerikanischen Wölfe deutlich jünger sind als bisher vermutet“, erklärt Priv.-Doz. Dr. Stephan Koblmüller vom Institut für Zoologie der Uni Graz.


Der Wolf ist das Raubtier mit dem weltweit größten Verbreitungsgebiet. Ursprünglich ein Eurasier, wanderte er erstmals vor rund einer halben Million Jahre über die Bering-Straße nach Nordamerika ein. Möglich machten dies regelmäßige Schwankungen des Meeresspiegels. „Fossilfunde beweisen die Existenz dieser ersten Migration nach Osten. Kontroversen entstanden allerdings um die Frage, ob alle Wölfe Nordamerikas auf diese ersten Einwanderer zurückgehen“, fasst Koblmüller zusammen. Seine Analyse zeigt, dass tatsächlich alle heute in Nordamerika lebenden Wölfe auf eine einzige Besiedlungswelle zurückzuführen sind. Weil diese allerdings „erst“ vor 70.000 bis 24.000 Jahren geschah, gehen die ForscherInnen davon aus, dass die Neuankömmlinge die damals bereits im Land ansässigen Wölfe vollständig verdrängt haben. „Vermutlich waren Neulinge deutlich besser an die sich drastisch ändernden Umweltbedingungen angepasst“, resümiert der Zoologe.

Ein einschneidendes Ereignis verhinderte danach den weiteren Genaustausch zwischen eurasischen Wölfen und Artgenossen aus dem mittleren und südlichen Nordamerika: Zwei Eisschilder verschmolzen zu einem riesigen Gletscher, der den Weg zwischen Eurasien und dem mittleren und südlichen Nordamerika versperrte. Wölfe überlebten das letzte eiszeitliche Maximum sowohl nördlich als auch südlich der Gletscher. Nördlich kamen allerdings nur hochspezialisierte Wölfe vor, die kurz darauf zusammen mit der eizeitlichen Megafauna ausstarben. Als sich die Gletscher zurückzogen, wurde ganz Nordamerika von den südlichen Wölfen rekolonisiert.


Für ihre Publikation entschlüsselten die ForscherInnen 105 mitochondrielle Genome von gegenwärtigen und prähistorischen Wölfen aus dem gesamten Verbreitungsgebiet der Art. Mitochondrien sind Zellorganellen, die eine eigene, vom Zellkern unabhängige Erbsubstanz enthalten. „Um herauszufinden, wann und wie oft Nordamerika von Wölfen kolonialisiert worden ist, haben wir unterschiedliche Szenarien simuliert. Damit war es erstmals möglich zu testen, welches Besiedelungs-Szenario am besten mit den Daten des mitochondriellen Erbguts der Wölfe übereinstimmt“, schildert Koblmüller.


Publikation:
Koblmüller S, Vilá C, Lorente-Galdos B, Dabad M, Ramirez O, Marques-Bonet T, Wayne RK, Leonard JA. Whole mitochondrial genomes illuminate ancient intercontinental dispersals of grey wolves (Canis lupus). Journal of Biogeography, in press. Doi:10.1111/jbi.12765.

Erstellt von Gerhild Kastrun

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