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Dienstag, 28.04.2015

Dolmetschen im „Netzwerk des Terrors“:

DolmetscherInnen im KZ Mauthausen hatten eine ambivalente Rolle inne. Zeichnung: Sigrid Querch.

DolmetscherInnen im KZ Mauthausen hatten eine ambivalente Rolle inne. Zeichnung: Sigrid Querch.

Forscherin der Uni Graz untersucht Kommunikation im Konzentrationslager Mauthausen

Am 5. Mai 2015 jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen bei Linz zum 70. Mal. Rund 100.000 Menschen aus ganz Europa wurden während des NS-Regimes dort sowie in den 49 Nebenlagern ermordet. „Seit 1940 waren Angehörige von etwa 40 Nationen hier interniert. Die Sprachenvielfalt erforderte daher differenzierte Kommunikationsmechanismen. Wer Deutsch konnte, hatte jedenfalls zweifellos höhere Überlebenschancen“, weiß Ao.Univ.-Prof. Dr. Michaela Wolf vom Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz. Sie hat in einem vom Zukunftsfonds der Republik Österreich geförderten Projekt die ambivalente Rolle der Dolmetscher in Mauthausen untersucht. Ihr Fazit: „Sie trugen einerseits zur Aufrechterhaltung des Systems bei und konnten deshalb oft mit kleinen Privilegien rechnen. Andererseits nutzten viele ihre Sprachkenntnisse auch dazu, die Lebensbedingungen ihrer Mithäftlinge zu verbessern.“


Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Polnisch, Russisch und Spanisch gehörten zu jenen Sprachen, über die in Mauthausen am häufigsten kommuniziert wurden. Lagerdolmetscher wurden bald unabdingbar, vor allem bei den Reden der SS-Männer sowie für die Übermittlung von Befehlen jeglicher Art. „Aber auch zwischen Häftlingen bedurfte es Translationen“, erklärt Wolf. „Zum Beispiel für die Kommunikation mit den Kapos, die Ordnungsfunktionen inne hatten und unter brutalster Gewaltanwendung den Alltagsbetrieb im Lager aufrechterhielten“. Die Dolmetscher waren keine Profis, sondern Personen, die zweisprachig aufgewachsen waren oder Sprachen im Militärdienst gelernt hatten. „Kein geringer Teil der Internierten erwarb in Mauthausen Deutschkenntnisse, die oft auch für geringfügige Dolmetscharbeiten ausreichten“, weiß Wolf, „dennoch verweigerten es viele Häftlinge, die Sprache der TäterInnen zu erlernen.“ Zu den Sprachmittlern zählten spanische und katalanische Republikaner, jugoslawische Partisanen, italienische und französische Angehörige der Résistance, deutsche, polnische und tschechische politische Aktivisten oder russische Kriegsgefangene. Ihr Wissen wurde nicht selten mit Privilegien wie mäßig erleichterten Arbeitsbedingungen oder einer extra Essensration aufgewogen.


Mitunter gebrauchten sie ihre sprachlichen Fähigkeiten aber auch, um eine zumindest leichte Milderung der Situation ihrer Mithäftlinge zu erreichen, schildert Wolf: „Sie brachten Kameraden beispielsweise in weniger gefährlichen Arbeitskommandos unter oder befreiten sie aus misslichen Streitsituationen mit Kapos oder anderen Häftlingen. Bekannt sind sogar Fälle, in denen Dolmetscher Mitgefangene vor dem Erhängen retteten. Insgesamt konnten sie zumindest potenziell die Lage vieler Internierter erleichtern und trugen entscheidend dazu bei, ihren Lebenswillen zu erhalten und die moralische Integrität zu stärken.“ Als Quellen dienten der Wissenschafterin vorrangig Berichte ehemaliger Häftlinge sowie Überlebenden-Interviews. Insgesamt durchforstete die Forscherin mit ihren ProjektmitarbeiterInnen ungefähr 70.000 Seiten auf der Suche nach Beschreibungen von Dolmetsch-Situationen. Die Mehrdeutigkeit der Sprachvermittlung in Mauthausen wird nicht zuletzt durch den Namen des Gummiknüppels der SS verdeutlicht – er wurde „Dolmetscher“ genannt, denn seine Sprache verstand jeder.

Erstellt von Gerhild Kastrun

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