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Donnerstag, 30.04.2015

Keltenkult in der Südsteiermark

Die Dea Nutrix vom Frauenberg in Leibnitz. Foto: ASIST/Bernhard Schrettle

Die Dea Nutrix vom Frauenberg in Leibnitz. Foto: ASIST/Bernhard Schrettle

Neu entdeckte Muttergottheit vom Frauenberg wird erstmals der Öffentlichkeit präsentiert

Es ist ein wissenschaftlicher Sensationsfund, den ArchäologInnen vor wenigen Monaten am Frauenberg in Leibnitz machten: Bei Grabungen rund um die Marien-Wallfahrtskirche entdeckten sie eine nahezu vollständig erhaltene Statuette der Dea Nutrix – einer stillenden Muttergottheit, die in diesem Gebiet hunderte Jahre lang verehrt wurde. Die 27 Zentimeter hohe und 16 Zentimeter breite Skulptur aus Leithakalkstein wurde vermutlich in der römischen Kaiserzeit (1. bis 3. Jahrhundert nach Christus) gefertigt. Der Fund könnte ein Indiz dafür sein, dass die in der heutigen Steiermark lebenden Menschen an ihren althergebrachten, ursprünglich keltischen Traditionen festhielten – trotz der fortschreitenden Romanisierung und der damit verbundenen veränderten religiösen Vorstellungen.

 

Die Statuette ist ab dem 2. Mai 2015 im Tempelmuseum auf dem Frauenberg zu sehen. Kurz nach der Eröffnung der Ausstellung, von 4. bis 5. Mai 2015, sind WissenschafterInnen der Uni Graz sowie KooperationspartnerInnen aus verschiedenen Fachrichtungen auf Schloss Seggau. Sie beleuchten in einem internationalen Kolloquium die Entwicklung des „Tempelbergs“ zum zentralen Heiligtum der gesamten Region rund um Flavia Solva und werfen dabei auch Blicke über die steirischen Landesgrenzen hinaus.


Helferin in der Not
Auf einem Thron sitzend hält sie ein Wickelkind im Arm, das sie nährt und schützt: Die Dea Nutrix, auf Deutsch „stillende Göttin“, war ein weit verbreitetes – und äußerst „beliebtes“ –Motiv in verschiedenen Kulturkreisen, erklärt Grabungsleiter Dr. Bernhard Schrettle, Lehrbeauftragter am Institut für Archäologie der Uni Graz. „Es lassen sich Vergleiche mit der ägyptischen Ikonografie herstellen, in der die ‚Isis Lactans‘ ähnliche Verehrung als Nothelferin erfuhr. Auch in der christlichen Kunst finden wir häufig Darstellungen der heiligen Maria mit dem Jesuskind an ihrer Brust.“ Obwohl die Göttin am Frauenberg namenlos ist, war die Reichweite ihrer mystischen Strahlkraft enorm, schildert Schrettle. „In der gesamten Südsteiermark finden wir Kultgegenstände, der Frauenberg bildete aber eindeutig das zentrale Heiligtum der Gottheit.“


Wie weit die Dea Nutrix – und ähnliche keltische Traditionen – in den Alltag der in der heutigen Steiermark lebenden Menschen wirkte, ist seit mehreren Jahrzehnten Forschungsgegenstand von ArchäologInnen und AlthistorikerInnen. Noch gibt es keine eindeutige Antwort auf diese Frage. Eine gewisse Unwilligkeit der einheimischen Bevölkerung römische religiöse Vorstellungen mit Leib und Seele zu übernehmen, ließe sich aber eventuell aus anderen Funden ablesen, erklärt Schrettle – besonders, was weibliche Darstellungen betrifft: „Auf Grabsteinen findet man manchmal Abbilder der Männer in römischem Gewand, während Frauen dagegen in den allermeisten Fällen typische ortsansässige Trachtenkleidung tragen."

Der Forscher wird in naher Zukunft weitere Grabungen im Rahmen der Archäologisch-Sozialen Initiative Steiermark (ASIST) durchführen, um zusätzliche Hinweise auf den Kult rund um den Frauenberg und die Dea Nutrix zu finden. „ASIST ist zudem eine sinnvolle arbeitsmarktpolitische Maßnahme, da bei den Grabungen Langzeitarbeitslose für sechs bis acht Monate beschäftigt werden. Die Maßnahme, die aus Mitteln des Arbeitsmarktservice, vom Land Steiermark sowie weiteren KooperationspartnerInnen finanziert wird, soll die MitarbeiterInnen schrittweise wieder an den ersten Arbeitsmarkt heranführen und trägt darüber hinaus zur Erforschung des archäologischen Erbes bei“, erklärt der Archäologe den doppelten Nutzen.

Erstellt von Gerhild Kastrun

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