Als in der Pogromnacht vom 9. auf 10. November 1938 Grazer Jüdinnen und Juden verfolgt, misshandelt oder verhaftet wurden, waren auch einige Studierende darunter. Die Mehrheit der insgesamt 49 Student:innen hatte die Stadt bereits verlassen, waren sie doch schon im Frühjahr aus „rassischen“ Gründen schrittweise vom Studium ausgeschlossen worden.
Viele Namen waren bekannt, die genauen Schicksale dahinter aber kaum. „Vor allem nicht, was nach ihrer Vertreibung passierte“, schildert Marco Jandl, Zeithistoriker an der Uni Graz. Daher nahmen Jandl und Gerald Lamprecht, Leiter des Centrums für Jüdische Studien, dank neuer Quellen wie digitaler Archive sowie Familienerzählungen eine systematische Spurensuche der Biografien auf.
49 Schicksale
Von den 49 jüdischen Student:innen waren vier an der Juridischen Fakultät und sechs an der Philosophischen Fakultät inskribiert. Der Großteil – insgesamt 39 – studierte Medizin. Der überwiegende Teil stammte aus den Gebieten der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie sowie aus historischen Regionen wie der Bukowina, Siebenbürgen, Galizien und der Vojvodina. „Bis zum Ende des Sommersemesters 1938 waren sie noch zu den Abschlussprüfungen zugelassen und einigen konnten ,still‘, das heißt ohne akademischen Festakt, promovieren. Gleichzeitig mussten sie eine Verzichtserklärung abgeben, den Beruf nicht auszuüben“, erläutert Lamprecht.
Im Unterschied zur gesamtjüdischen Bevölkerung entgingen viele Studierende der Ermordung durch das NS-Regime. „Sie waren jung, mobil und oft mehrsprachig“, begründet Marco Jandl. Den meisten glückte die Flucht, etwa nach Palästina, England, in die USA oder nach Shanghai in China. Ein einziger vertriebener Student nahm die Ausbildung wieder an der Uni Graz auf: Otto Pollack schloss sein Medizinstudium 1950 ab.
Einschnitt in die Wissenschaftslandschaft
Neben den Biografien der 49 Studierenden fasst das Gedenkbuch „Ausschluss, Flucht und Neuanfang“ auf 340 Seiten auch die Leb⇒ens- und Fluchtwege von fünf entlassenen Lehrenden zusammen. Darunter jene des Landesrabbiners und Professors für Semitische Philologie David Herzog sowie des Nobelpreisträgers und Pharmakologen Otto Loewi. „Obwohl die Universität Graz schon seit dem späten 19. Jahrhundert von einer stark deutschnationalen Ausrichtung gekennzeichnet war, waren die Vertreibungen ein fundamentaler Einschnitt in die Wissenschaftslandschaft, von dem sich die Hochschulen erst in den 1970er- und 80er-Jahren erholten“, hält Gerald Lamprecht fest.
Das neue Buch ist in eine umfassende Aufarbeitung der NS-Geschichte der Universität Graz eingebettet. Neben wissenschaftlichen Projekten, künstlerischen Interventionen – etwa im einstigen NS-Studentenhaus in der Schubertstraße – gedenken heute vor Gebäuden zahlreiche Stolpersteine den vertriebenen Universitätsangehörigen. Rektor Peter Riedler unterstreicht die große Bedeutung sichtbarer Zeichen: „Gerade der Blick auf die Epoche der nationalsozialistischen Diktatur verdeutlicht den Stellenwert von Wachsamkeit und einer pluralistischen Demokratie.“
Das Buch Ausschluss, Flucht und Neuanfang. Ein biografisches Gedenkbuch der 1938 verfolgten Jüdinnen und Juden der Universität Graz wird am 11. November 2026 an der Universität Graz vorgestellt.